Ingrid Schmitz

Karrieresprung ins Groschenheft

Manche Dinge, die für uns lange selbstverständlich waren, verschwinden irgendwann einfach, werden weggewischt vom technischen und gesellschaftlichen Fortschritt. Telefonzellen. Kaugummiautomaten. Walkmen. Andere wiederum halten sich beharrlich, überdauern jeden Wandel. Vielleicht tauchen sie etwas ab, aber sie sind noch da. Plötzlich entdeckt man sie an ganz unvermuteter Stelle und wundert sich: Das gibt es noch? Jerry-Cotton-Hefte zum Beispiel. 1954 feierte der New Yorker FBI-Agent sein Debüt in der Heftroman-Reihe Bastei Kriminalroman, 1956 erschien schließlich der erste Band der eigenen Serie im Bastei-Verlag. Seitdem kommen die „Groschenheftchen“, wie sie oft etwas geringschätzig bezeichnet werden, auf eine Gesamtauflage von 930 Millionen. Im Juni steckte das Heft mit der Nummer 3339 und dem Titel „Mit der Liebe kam der Tod“ zum Preis von zwei Euro in den Drehständern der Bahnhofsbuchhandlungen und Zeitschriftenhändler: Seine Autorin wohnt in Krefeld und heißt Ingrid Schmitz.

„Für mich ist es eine Ehre, für Jerry Cotton schreiben zu dürfen“, lässt die gebürtige Düsseldorferin keinen Zweifel am Stellenwert ihres neuen Engagements. Für die einen ist es ein Groschenheft, für Schmitz aber der bisherige Höhepunkt einer nicht ganz selbstverständlichen Laufbahn. „Ich kenne die Jerry-Cotton-Hefte noch aus meiner Kindheit, in der ich sie meiner Mama beim Bügeln vorlesen musste“, erinnert sie sich schmunzelnd. „An dieser traditionsreichen Erfolgsgeschichte mitwirken zu dürfen, neue Leser zu erreichen, vielleicht sogar ins Englische übersetzt zu werden, ist etwas ganz Besonderes.“ Zumal es keinesfalls so einfach ist, in den Autorenkreis – über dessen Größe der Verlag Stillschweigen bewahrt, auch einen Autorennamen sucht man auf dem Umschlag vergeblich – aufgenommen zu werden. „Ich hatte erfahren, dass der Verlag Autoren suchte, also bewarb ich mich. Und erhielt den Zuschlag“, berichtet Schmitz. Ein unbeschriebenes Blatt war sie zu diesem Zeitpunkt aber schon längst nicht mehr. In der Krimiszene kennt man sie als Urheberin zahlreicher Romane und Kurzgeschichten sowie als Herausgeberin von Krimi-Anthologien. Ihre bekannteste Schöpfung – ihr Alter ego, wie sie selbst sagt – ist die Trödlerin und Privatermittlerin Mia Magaloff, die bereits am Niederrhein und auf Spiekeroog Mordfälle aufklären durfte.

Doch dass Schmitz mir heute in ihrem Haus im nördlichsten Krefelder Stadtteil Vennikel als Krimiautorin gegenübersitzt, war keinesfalls geplant. Als Speditionskauffrau arbeitete die 66-Jährige lange Zeit für eine kanadische Reederei in Düsseldorf, später dann im sowjetischen Außenhandel – ein biografisches Detail, das sich im melodisch klingenden Namen ihrer Romanheldin niedergeschlagen hat. „Irgendwann gab ich meinen Job zugunsten der Familiengründung auf, war sozusagen Vollzeit als Mutter beschäftigt“, beschreibt sie einen Schritt, den immer noch viele Frauen in Deutschland gehen, wenn sie sich dazu entscheiden, ein Kind zu bekommen. „Meine erste Veröffentlichung hatte ich dann auch im Magazin unseres Kindergartens. Die kleine Kurzgeschichte, die ich verfasst hatte, kam so gut an, dass ich mich dazu entschied, das Schreiben zum Hobby zu machen. Das war der Anfang.“ Die bestehende Faszination für Krimis lässt keinen Zweifel daran, in welchem literarischen Genre sie sich fortan austoben möchte. Schmitz schreibt erst Kurzgeschichten für sich, für Freunde und Bekannte. Um ihr Hobby auf ein sicheres Fundament zu stellen, absolviert sie ein dreijähriges Studium für kreatives Schreiben und macht ihr Hobby schließlich zum Beruf. Ihre Kurzgeschichten erscheinen in zahlreichen Krimisammlungen, bevor sie den nächsten Schritt macht: 2006 erscheint ihr erster Magaloff-Roman „Sündenfälle“. Es folgen bis heute sieben weitere, dazu immer wieder Kurzkrimis, Hörbücher, eBooks oder eine Biografie über das VOX-Auswandererpärchen Didi und Hasi.

Das Bild einer Pistole malte eine Freundin für die Krimiautorin.

Mit der Spezialisierung auf sogenannte Regionalkrimis trifft Schmitz auch kommerziell eine gute Entscheidung, denn die Bücher erfreuen sich großer Beliebtheit: „Die Leser mögen es, wenn Orte, die sie aus ihrem Alltag kennen, plötzlich zum Schauplatz einer fiktiven Geschichte werden“, erklärt Schmitz. „Es gibt sogar Reiseveranstalter, die Krimitouren anbieten, auf denen sie die Handlungsorte der Bücher mit den Reisenden besuchen.“ Der Gewinn an Authentizität, die „Nachprüfbarkeit“, ist aber auch an einen erhöhten Rechercheaufwand gekoppelt – und das Risiko, dass „Fehler“ von den Lesern gnadenlos aufgedeckt werden. Sollte Schmitz jedoch angesichts der Strenge ihrer Fans Druck beim Schreiben verspüren, lässt sie sich dies im Gespräch nicht anmerken: Sie spricht ruhig und entspannt über ihre Beruf gewordene Passion, vermittelt dabei trotz der Gemälde von Pistolen und Messern an den Wänden ihres Hauses, diese gewisse Gemütlichkeit und Wärme, die Kritiker wie Liebhaber des Regionalkrimis gleichermaßen als typisches Merkmal bezeichnen würden. „Der Reiz dieser Geschichten besteht für mich vor allem darin, dass da etwas Unerhörtes in eine scheinbar heile Welt einbricht. Das ist immer auch eine sprudelnde Quelle für schwarzen Humor“, erklärt Schmitz. Auf der etwas beschaulicheren Urlaubsinsel Spiekeroog etwa, wo einige ihrer Bücher spielen, hat es in echt noch nie einen Mord gegeben. Das macht es natürlich aber auch so spannend, gerade hier einen Killer umgehen zu lassen. „Ich mag es, mit diesem Kontrast zu spielen“, gesteht die Autorin. „Aber am Ende obsiegt bei mir diese ,heile Welt‘. Meine Bücher haben immer ein Happy End.“

„Ich mag es, das Unerhörte in eine scheinbar heile Welt einbrechen zu lassen.“

Alte Krimi-Schmöker und aktuelle Ausgaben der Jerry-Cotton-Reihe: Nicht nur Inspirationsquelle, sondern durchaus Liebhaberobjekte für Ingrid Schmitz

Das gilt zwar im weitesten Sinne auch für die Jerry-Cotton-Hefte, doch ohne Zweifel schlagen diese eine etwas rauere Gangart ein. 64 zweispaltig bedruckte Seiten lassen nicht viel Platz für Müßiggang und innere Einkehr. Es ist eine ruppige Männerwelt knallender Räuberpistolen und geballter Fäuste, in die Schmitz vorgestoßen ist: eine Welt mit ganz eigenen, stahlharten Regeln überdies. „Vom Verlag erhielt ich als Vorbereitung einen rund 60 Seiten starken Ordner mit allen wichtigen Informationen über die Figuren, die Welt, in der die Serie angesiedelt ist, und auch den Sprachstil“, beschreibt Schmitz. Welche Kleidung trägt der Held, was ist sein Lieblingsgetränk, wie spricht er, was würde er nie sagen? Mit solchen Fragen muss sie sich auseinandersetzen – und die Antworten beim Schreiben berücksichtigen. Klar, bei einer Reihe mit einer solch langen Geschichte ist der einzelne Autor im Idealfall ein funktionierendes Rädchen im Getriebe, er darf die Maschine mit seinen Ambitionen nicht zum Erliegen bringen. Der Leser, der mitunter schon seit Jahren dabei ist, hat gewisse Erwartungen, die erfüllt werden wollen – und die wichtigste ist sicher, dass auch nächste Woche wieder ein neues Heft im Bahnhofsbuchhandel steht.

Gerade deshalb freut sich Schmitz auch so darüber, dass sie in ihrem Debüt einige ihrer eigenen, eher weiblichen Ideen einbringen durfte: „Ich wollte Helen, der Sekretärin von Jerry Cottons Chef, unbedingt eine etwas größere Rolle geben, und der Verlag erklärte sich einverstanden. Üblicherweise ist sie nur eine Nebenfigur, die den männlichen Helden Kaffee bringt, aber in meinem Roman bekommt sie mehr Raum. Auch das Sujet weicht etwas vom Standard ab: Es geht um Liebesbetrüger im Internet.“ Die Reaktion der Leserschaft seien durchweg positiv gewesen, freut sie sich, sodass weitere Beiträge aus Schmitz‘ Feder schon geplant sind. Ein Beleg dafür, dass man auch im vermeintlichen Trivialroman durchaus einmal mit den Konventionen brechen darf. Überhaupt ist Schmitz jeder Dünkel gegenüber den „Groschenheftchen“ fremd. „Und es ist eine Herausforderung, so auf den Punkt zu schreiben und sich stilistisch in eine so breite Riege von Autoren einzugliedern“, sagt sie. „Es ist auch eine gute Übung für meine eigenen Romane.“ So wie sie ihrem Jerry-Cotton-Band eine Dosis Östrogen verabreichen konnte, hat die Arbeit für den „G-Man“ auch bei ihrem Inselroman Spuren hinterlassen: „Ich glaube, mein neuer Krimi wird ein bisschen brutaler“, schmunzelt sie. Dem Happy End wird das am Ende aber nicht im Wege stehen, im Gegenteil: Es fällt dann umso freudiger aus. Und Schmitz‘ Fantasie wird uns, wie die Jerry-Cotton-Hefte, hoffentlich noch lange erhalten bleiben.

Weitere Informationen unter: www.krimischmitz.de

Ingrid Schmitz hat uns drei signierte Jerry-Cotton-Heften und drei Exemplare ihres Romans „Mordsreise“ zur Verfügung gestellt. Wer den spannenden Lesestoff gewinnen möchte, muss folgende Frage beantworten: Wie heißt Schmitz‘ beliebte Krimi-Protagonistin?

Senden Sie eine Mail mit dem Betreff „Jerry Cotton“, der richtigen Antwort sowie Ihrer Postanschrift an redaktion@crevelt.de, um an der Verlosung teilzunehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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