Ein Jahr Corona-Pandemie im Krefelder Sport

Kinder ohne Bewegung

Leere Turnhallen und verwaiste Sportplätze. Wer im Verein in Bewegung kommen will, wird seit langer Zeit ausgebremst. Das Coronavirus bestimmt im mittlerweile 13. Monat den Rhythmus der organisierten Freizeit-Athleten. Wer nicht als Profisportler gilt oder einem Landes- oder Bundeskader angehört, hat es schwer. Nach Lichtblicken im Sommer mit mehr Erlaubnissen schoben sich im Herbst und Winter wieder dunkle Wolken über die Landschaft. Stillstand im Amateur- und Breitensport. Bis zu 65.000 Mitglieder sind in den 206 Krefelder Klubs weiter zur Geduld gezwungen. In den Vorständen sorgt man sich vor allem um die langfristige Gesundheit der Kinder, denen die Aktivität in der Gruppe als Motivation über einen langen Zeitraum fehlt und die nicht die großen Ausweichmöglichkeiten besitzen wie Erwachsene. Aber auch Jugendliche sollen dem Sport nicht verloren gehen. Sie bilden ja schließlich so etwas wie die Zukunft der Vereine.

Es hat sich Ärger breitgemacht unter den Verantwortlichen. „Irgendwann hängen die Kinder nur noch vor der Playstation“, warnt eindringlich Marcus Benger, Vorsitzender des TV Traar. „Man hat ihnen über lange Zeit den Sport genommen. Und bald heißt es dann wieder: Die Kinder sind zu dick. Da fehlt mir das Verständnis.“ Zu Weihnachten gab es als Dankeschön für die Treue kleine Geschenke für die Kinder im Verein. Kurse fielen aus, das Eltern-Kind-Turnen oder auch die „Windelrocker“ mussten pausieren. „Es sieht nicht gut aus.“ Benger hofft eine Rückkehr in die Halle spätestens nach den Sommerferien.

17 Sparten, etwa allein 3.000 der insgesamt 6.000 Mitglieder im Kinder- und Jugendbereich, die seit Monaten mehr oder weniger zum Nichtstun verdammt sind. Auch der SC Bayer Uerdingen ächzt unter den Verordnungen und hofft auf Hilfe aus der Politik, damit zumindest die jungen Generationen zurück ins Training können. „Wir sind eine Gesellschaft mit Bewegungsmangel“, erklärt Geschäftsführer Jörg Heydel. „Die Defizite wirken sich eventuell lebenslang aus.“ Priorität müsse die Rückkehr der Kinder zur sportlichen Aktivität haben. „Der Mangel hat sich durch Corona noch verschärft“, weiß Heydel. 600 Mitglieder hat der SC Bayer durch die Verbote in der Pandemie verloren. Ein Zehntel seines Stamms, vor allem im kommerziellen Bereich. Seit Mitte 2020 gab es so gut wie keine Vereinseintritte mehr. Auch der Veranstaltungsbereich, wie der beliebte Beach Club, ist massiv betroffen von den Restriktionen.

Wer aber glaubt, die ehrenamtliche Arbeit der Klub-Vorstände sei durch die Corona-Krise weniger geworden, irrt gewaltig: „Es ist eigentlich noch mehr als vorher“, erzählt Jan Moertter, Vorsitzender des Verberger TV aus eigener Erfahrung. Immer wieder muss er neue Verordnungen wälzen, die Mitglieder informieren und die Krise moderieren. Etwa zehn Prozent der zuvor 800 Mitglieder haben den Verein verlassen, da vor allem das für Familien beliebte Kinderturnen und die Kurse nicht mehr angeboten werden können. Das schmerzt. Nun geht es darum, die Leute bei Laune zu halten, sagt Moertter Ende März über sein Krisenmanagement und zeichnet ein passendes Bild: „Wir sind so etwas wie die Brandlöscher.“

Mit einer gewissen Besorgnis in der Stimme sagt Jens Sattler, der Geschäftsführer des Stadtsportbundes: „So eine Situation haben wir noch nie gehabt.“ Vor allem Großvereine seien vom Mitgliederschwund besonders betroffen. Keine Treffen im Verein, keine Sozialisation in denTrainingsgruppen, Kinder ohne Bewegung. „Das wirft uns alle massiv zurück“, erzählt Sattler. Vor allem die Schwimmausbildung bleibt auf der Strecke. Kinder lernen später oder gar nicht den Umgang mit dem Wasser. Ohne Abzeichen aber kann es auch keine Anmeldung bei anderen Sportarten wie Rudern oder Segeln geben. Es ist eine Kettenreaktion, die durch die Beschränkungen eintritt. Die Unzufriedenheit wächst. Das haben sie beim SSB beobachtet.

„Man will sehen, wie der Sport wieder möglich wird“, appelliert Sattler: „Die Vereine können das. Es hat super Konzepte gegeben. Der Sport hat sich vorbildlich verhalten.“ Finanzielle Unterstützung hat es gegeben. Förderprogramme wie „Krefeld macht Sport“ oder die Krefelder Corona-Soforthilfen konnten angezapft werden, die Mittel wurden komplett ausgeschöpft in 2020. Auf lange Sicht aber dürfte das nicht helfen. „Es muss viel aufgeholt werden nach der Krise“, glaubt SSB-Vorstandsmitglied Cordula Meisgen. Ein Gutes aber hat sich schon gezeigt. „Die Vereine sind ein Stück weit zusammengerückt“, wie Sattler beobachtet. Diesen Eindruck hat auch Andreas Stattrop gewonnen, der den FC Traar anführt. „Ich sehe viel Solidarität. Die Vereine helfen sich.“ Unter seinen Fußballern hat es stabile Mitgliederzahlen gegeben, auch wenn die Sehnsucht wächst, mal wieder gemeinsam gegen den Ball zu treten. Für die Zukunft fordert Stattrop mehr Wertschätzung für das Ehrenamt, denn gerade jetzt in der Krise zeige sich die immense Bedeutung der Sportvereine für die Gesellschaft. Bewegung und Sozialarbeit bieten auch für Kinder und Jugendliche. „Da sollte man uns spürbar mehr Unterstützung zukommen lassen“, so Stattrop. Denn die Krise, sie ist noch nicht vorbei.

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