Wie wird man eigentlich ...

Bühnenmalerin

„Kunst hat viel mit uns selbst zu tun“, sagt Julia Bethke vorsichtig. „Es ist keine Wissenschaft wie Mathematik, die nach Formeln funktioniert, stattdessen brauchen wir Gefühl, wir brauchen Übung und wir brauchen Ausdauer. Das ist genau das, was ich an meinem Job so liebe.“ Julia Bethke ist staatlich anerkannte „Bühnenmalerin“, das, was bis zum Jahr 2000 umgangssprachlich „Theatermalerin“ genannt wurde. „Erst zum Jahrtausendwechsel wurde eine zertifizierte Ausbildung eingeführt“, erklärt die Krefelderin. Und heute gibt es nur drei Berufsschulen in Deutschland, die diese Ausbildung anbieten. Grund genug, Julia Bethke in unserer monatlichen CREVELT-Reihe vorzustellen. Wir haben sie gefragt: „Wie wird man eigentlich… Bühnenmalerin?“

Für die gebürtige Velberterin beginnt der Weg zum Traumjob im Fachabitur. An den Schwerpunkt „Gestaltung“ ist ein einjähriges Praktikum geknüpft, das sie an der „Deutschen Oper am Rhein“ absolviert. Hier kommt sie zum ersten Mal mit der Theaterszene in Kontakt. „Das hat mich alles so überwältigt. Die Dimensionen, in denen da gedacht wird, sind unglaublich“, erinnert sie sich. Kulissen haben einen Durchmesser von 200 Quadratmetern, alles ist pikgenau gezeichnet und die Maler sind hervorragend. „Ich hatte einfach nur Respekt, ich traute mir das nicht zu“, erinnert sie sich. Nach dem Abitur sind es Bethkes Eltern, die die junge Frau ermuntern, sich um einen Ausbildungsplatz zu bemühen. Und tatsächlich sucht das „Theater Philharmonie Essen“ Bethke gemeinsam mit zwei anderen Bewerbern zum Eingangstest aus. Rund acht Stunden hat sie vor Ort Zeit, ein „Prospekt“ – so werden im Fachjargon die riesigen Bilder genannt – zu zeichnen. „Am Ende entschieden sich die Prüfer für mich“, erklärt sie. „Damit ging ein Traum in Erfüllung.“

Die Ausbildung zur Bühnenmalerin läuft zweigleisig: Bethke arbeitet im Theater, lernt hier die Praxis, und wird gleichzeitig an der Berufsschule in Essen unterrichtet. Der praktische Teil wird nicht nur im Schauspielhaus absolviert, sondern auch an Filmstätten vom WDR und vom SWR. „Es gibt aber dennoch nur so wenige praktische Stellen, dass Ausbildungsjahrgänge immer wieder nicht zustande kommen“, erinnert sie sich. „Ich hatte Glück, wir waren 13 Leute.“

Nach ihrer Ausbildung tourt die Bühnenmalerin durch unterschiedliche Häuser, um verschiede Arbeitsweisen kennenzulernen. Angeschlossen ist sie innerhalb eines Hauses dabei immer an die Werkstatt, zu der nicht nur Maler, sondern auch Schreiner, Dekorateure, Plastiker und Schlosser gehören. „Oft werden wir mit den Bühnenbildnern verwechselt, dabei haben wir einen völlig anderen Job“, beschreibt sie. Bühnenbildner nämlich sind reine Konzeptionisten – sie planen auf Papier die Gestaltung des Bühnenbilds und der Requisite, die Umsetzung aber liegt bei den Kreativen in der Werkstatt. „Und das ist nicht immer einfach“, sagt Bethke und lacht. Manchmal mischt die junge Frau stundenlang Farben, bis sie den erforderlichen Farbton geschaffen hat. Manchmal modelliert sie tagelang, um eine Holzoberfläche bildlich in Marmor zu verwandeln. Und manchmal braucht sie unendliche Konzentration, um dem Pinselstrich den letzten Schliff zu geben. „Bühnenmaler kann nur werden, wer wirklich Biss hat“, sagt sie bedächtig. „Wir erschaffen ja nicht irgendetwas, wir erschaffen Illusionen.“

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