Kunst als Lebenselixir

„Manchmal war sie tagelang im Atelier, manchmal ganze Wochen. Malt, formt, schneidet, immer alleine, ganz eingetaucht in die eigene Welt, angefeuert von einer Motivation, die sich nicht erschöpfte.“ Es sind starke Worte, die Martin Lück, Informatiker und leidenschaftlicher Musiker, in dieser Rolle aber vor allem liebender Neffe seiner Tante Christel Schulte-Hanhardt im Vorwort eines kürzlich erschienenen Katalogs findet. Und auch Franz-Josef Schultes Blick wird weich, wenn er von seiner 94-jährigen Mutter spricht: „Ihr ganzes Leben lang strahlt ein unglaublicher Tatendrang aus ihr. Sie hat Power, sie hat Biss, sie ist superkommunikativ, aber trotzdem in sich zurückgezogen. Sie ist ein wirkliches Original.“ Zu ihrem 95. Geburtstag organisiert Franz-Josef Schulte nun zum Ende ihrer künstlerischen Karriere eine letzte Ausstellung: „Traumgesichter – Digitale Malerei von Christel Schulte-Hanhardt“ kommt vom 13. bis zum 26. Sep- tember als mediale Show in Kooperation mit Musiker Albin Meskes in das eindrucksvolle Gebäude der „Alten Jacquard Weberei“ an die Hülser Straße und zeigt die Exponate einer Frau, deren Lebensgeschichte ihresgleichen sucht.

Christel Schulte-Hanhardt
Mit 54 Jahren war Christel Schulte-Hanhardt einst die älteste Studentin an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Schon ihr ganzes Leben arbeitet Christel Schulte-Hanhardt kreativ mit ihren Händen. In Westfalen aufgewachsen, lässt sie sich zur technischen Zeichnerin ausbilden und lernt in der väterlichen Schreinerei den Umgang mit verschiedenen Materialien und Formen kennen. Nach dem Krieg zieht sie für die Liebe zum rheinischen Möbelkaufmann Daniel Schulte nach Krefeld. 1951 erblickt der gemeinsame Sohn Franz-Josef das Licht der Welt. Die junge Frau zeigt ein unstillbares Interesse an Kunst und Musik. Auf dem Klavier vertieft sie sich in Stücke klassischer Komponisten, in der Kunst schwärmt sie für den dänischen Maler Per Kirkeby. Auch selbst versucht sie sich in der Malerei und ist vor allem am Zeichenstift begabt. „Meine Mutter begann, regelmäßig zur Sommerakademie nach Salzburg zu fahren und hier wurde ein Kunstprofessor auf sie aufmerksam“, erinnert sich Schulte. „Sie kam mit der fixen Idee zurück, noch einmal studieren zu wollen.“ Mit einer eindrucksvollen Mappe und voller Selbstbewusstsein stellt sich die damals 54-Jährige an der Düsseldorfer Kunstakademie vor und das Komitee ist begeistert von den Fähigkeiten der Krefelderin. 1979 wird sie zur ältesten Studentin ihrer Zeit, vier Jahre später schließt sie die Meisterschule bei Professor Klaus Rinke ab.

Bejahend und tiefgründig: Die Bilder spiegeln ihre Einstellung zum Leben wider.

„Aber mit dem Abschluss des Studiums beginnt für Künstler eine schwierige Zeit“, erklärt Franz-Josef Schulte. „Sie müssen sich auf dem Markt etablieren. Für eine Frau, die fast 60 Jahre alt ist, ist das natürlich deutlich schwieriger als für die jungen Hühner.“ Vor allem, weil die Galeristen sich junge Begabte suchen, die sie fördern und wirtschaftlich aufbauen können. Eine Dame aber, die schon 60 Jahre auf der Lebensuhr zählt, zu prägen, traut sich niemand zu. „Meine Mutter störte das gar nicht. Sie liebte, was sie tat, und gab nichts auf Schubladendenken“, erinnert sich Schulte und lächelt. „Sie machte einfach ihr eigenes Ding.“ In ihr Wohnhaus in Forstwald, in dem sie allein lebt, integriert sie ein Atelier. Nicht nur ihr Neffe Martin Lück beschreibt Schulte-Hanhardt als Künstlerin durch und durch, auch ihr Sohn fühlt sich manchmal erschlagen von den Ideen und Gedanken, die die Künstlerin auf Leinwand und Papier zaubert oder in anderen Materialien umsetzt. „Sie können sich das nicht vorstellen, wie viele Werke meine Mutter verwirklichte“, schildert er. „Und mit dem Einzug eines Laptops in ihr Atelier verlieh sie ihrer Produktivität noch einmal auf eine ganz neue Art Ausdruck.“

Im Jahr 2005 schenkt Schulte seiner Mutter einen mobilen Computer. Eigentlich, so denkt er damals, um für sie mit 81 Jahren die Kommunikation zu erleichtern, aber ihrem Wesen entsprechend geht Christel Schulte-Handhardt im System des Gerätes erst einmal auf Entdeckungstour und findet das Zeichenprogramm des Rechners. „Irgendwann wollte ich einmal etwas auf ihrem Laptop nachschauen und sah, dass sie Hunderte von Zeichnungen über das Touchpad angefertigt hatte“, erklärt Schulte kopfschüttelnd. „Es war der Zugang zu einer ganz neuen Kunstform.“

Zwischen 2006 und 2015 entstehen 1.800 Kunstwerke auf dem Rechner der Künstlerin. Unter dem Stichwort „Digitale Malerei“ werden aus feinen Linien unterschiedlicher Pinselarten und verschiedenen Farben abstrakte Gesichter, Gestalten und Symbole. Ihre Motive sind geprägt von der menschlichen Begegnung und interpretieren ihr Miteinander: Es finden sich Menschen in allen Lebenssituationen, unterschiedliche Gesichter und Körperhaltungen. Dieser Ausdruck vermittelt eine neue Sinnhaftigkeit, er hebt die menschliche Begegnung auf eine neue Ebene. „Aber damit können Sie meiner Mutter nicht kommen“, fügt Schulte lachend an. „Sie spricht nicht darüber, wie sie ihre Werke interpretiert. Die Deutung von Kunst überlasst sie immer dem Betrachter.“ 

Vor vier Jahren dann aber verändert ein einziger Tag das Leben der Künstlerin: Christel Schulte-Hanhardt stürzt, bricht sich den Oberschenkelhals, wird operiert und verliert mit der Narkose einen wichtigen Teil von ihr: ihre künstlerische Begabung. „Meine Mutter setzt sich auch heute noch an das Klavier und spielt, aber am Computer zu zeichnen, Kunst in der Qualität zu erschaffen, die sie einmal abgeliefert hat, das gelingt nicht mehr“, beschreibt ihr Sohn. Ob die Künstlerin den Verlust ihrer Fähigkeit, ihrer Leidenschaft hinter dem Gesicht des Alters bemerkt, darüber ist sich Schulte nicht sicher, aber jeder, der einmal die Vielfalt der Kunst von Schulte-Hanhardt betrachtet hat, begreift die Tragik der Narkoseauswirkungen. Mit der medialen Show „Traumgesichter“ und dem passenden Katalog, den Schulte mit Albin Meskes konzipiert hat, wird das Lebenswerk der dann 95-Jährigen jetzt für immer konserviert. 

„Digitale Malerei von Christel Schulte-Hanhardt: Traumgesichter“ – digital präsentiert und akustisch untermalt mit digitaler Musik von „Robot City“, 13. bis 26.09. in der „Alten Jacquard Weberei“, Hülser Str. 214 in Krefeld. Anmeldung aufgrund der Hygienemaßnahmen zwingend erforderlich, die Ausstellung ist kostenfrei. Anmeldung bitte über das Formular auf www.krefeld-kreativ.art oder per Mail an info@krefeld-kreativ.art